
Seit 1880 kommt das Wasser in Bethel auch aus Bethel. Als die „Anstalt für Epileptische“ im Jahr 1867 mit 25 Plätzen gegründet wurde, war es gängig, sich das Wasser aus Hausbrunnen zu holen. Doch die technischen Möglichkeiten änderten sich. In vielen Kommunen liegt die Geburtsstunde für eine zentrale Wasserversorgung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Als die Anstalt Bethel bis 1880 die ersten Quellen an eine Wasserleitung angeschlossen hatte, befand man sich also ganz im Trend der Zeit.
Bethel wuchs ständig – und damit auch der Bedarf an Wasser. Die Landwirtschaft wurde ausgebaut, Betriebe und Werkstätten kamen hinzu, immer mehr Personal wohnte in der Anstalt. Nach und nach entstand eine moderne, komplett eigene Infrastruktur der Wasserversorgung, bestehend aus Quellen, Tiefbrunnen, Hochbehältern und einem weiter verzweigten Wasserleitungsnetz, das bis Anfang der 1950er Jahre eine komplette Selbstversorgung mit Wasser sicherte.
Noch heute kommen rund 50 Prozent des täglichen Wasserbedarfs in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel aus drei Tiefbrunnen und einer Quelle: frisches
Wasser mit einer langen Tradition.
„Ein Becher kalten Wassers“ – unter dieser Überschrift verschickte Friedrich von Bodelschwingh im Mai 1880 ein Kollektenblatt. Darin warb der Anstaltsleiter um Spenden für eine Wasserleitung in Bethel: Der erste Schritt auf dem Weg zu einer zeitgemäßen anstaltseigenen Wasserversorgung war getan.
Wasser war in einer Einrichtung wie Bethel nicht nur zum Trinken und Kochen, zum Baden und Waschen wichtig. Auch für die hygienische Versorgung der oft bettlägerigen und schwerstmehrfach behinderten Menschen war genügend frisches Wasser lebenswichtig. Bis 1880 verteilten sich insgesamt 14 Hausbrunnen über das gesamte Anstaltsgebiet. Auch wenn sie in unmittelbarer Nähe zu den Pflegehäusern lagen, war es für das Haus- und Pflegepersonal mühsam, stets für ausreichende Wassermengen zu sorgen. Jeden Tag mussten sie das Wasser erst aus den Brunnen befördern, um es dann Eimer für Eimer in die Häuser zu tragen. Und im Sommer versiegten die Hausbrunnen oft über Monate – eine Katastrophe bei der Pflege der rund 350 Patienten und Patientinnen. Abhilfe war hier dringend nötig.
Als der Anstalt Bethel im Jahr 1879 mehrere Nachbarhöfe mit ausgedehnten Ländereien an - geboten wurden, beschloss der Vorstand, „die Zweckmäßigkeit einer Erwerbung namentlich mit Rücksicht auf die Wasserfrage eingehend“zu prüfen. Schließlich fiel die Wahl auf den Kükenshof, auch Kükenshove genannt. Hier zogen Ende des Jahres Männer mit einer Epilepsie ein, um Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Das neu erworbene Anwesen hieß fortan Hebron, und auf dem Gebiet lag eine ergiebige Quelle. Diese galt es nun, für die Wasserversorgung nutzbar zu machen.
Von der Quelle wurde eine Wasserleitung zu einem Hochbehälter am Friedhofsweg, dem Hermonbehälter, verlegt. Von hier aus gelangte das Wasser über ein Wasserleitungsnetz bis in die einzelnen Häuser. Diese Form der Wasserversorgung erleichterte den pflegerischen Alltag. Kein Wunder, dass Friedrich von Bodelschwingh im Jahr 1880 jubelte: „Welch eine Wohlthat ist aber unseren Kranken durch diese Wasserleitung erwiesen.“
Wasser nur aus einer einzigen Quelle zu befördern, das reichte für die ständig wachsende Anstalt schon bald nicht mehr aus. Um die Jahrhundert wende bot Bethel bereits etwa 1300 Plätze in der Mutteranstalt, im Jahr 1930 waren es bereits mehr als 4500. Immer mehr Personal wohnte in Bethel, die Landwirtschaft wurde ausgebaut, Betriebe und Werkstätten kamen hinzu – und alle benötigten Wasser.
Für die Selbstversorgung der Anstalt wurde es zu einer stetigen Herausforderung: Wie und woher Wasser bekommen? „Man könnte ein ganzes Buch darüber schreiben“, lamentierte Friedrich von Bodelschwingh schon im Jahr 1904 über die Schwierigkeiten bei der Suche nach immer neuen Wasservorkommnissen. Im Laufe von Jahrzehnten entstand ein hoch professionelles Wasserversorgungsnetz. Immer mehr Quellen wurden auf neu erworbenen Grundstücken nutzbar gemacht. Tiefbrunnen wurden gebohrt, um mittels Pumpen unterirdisches Wasser zutage zu fördern. Verschiedene Hochbehälter ließ die Anstalt bauen, indenen das Wasser gespeichert wurde und die als Zwischenstation fungierten. Von dort aus wurde das Wasser über ein immer verzweigteres Rohrnetz in die Pflege- und Krankenhäuser, die Betriebe, Werkstätten und Wohnhäuser geleitet.
Fünf Hochbehälter waren inzwischen auf dem Anstaltsgelände verteilt, in die das gewonnene Wasser geleitet wurde: der Hermonbehälter, der Blumenaubehälter, der Osthüttenbehälter, der Libanonbehälter und der Eggebehälter. Diese fünf Wasserbehälter hatten insgesamt ein Fassungsvermögen von 5565 m3. Der tägliche Wasserbedarf in Bethel lag bei rund 950 m3. Durch ein Rohrnetz von insgesamt 25 km Länge floss das Wasser zum Verbraucher.
Ein weiterer Tiefbrunnen wurde 1938 auf dem Kaffeeberg in Betrieb genommen. Als sich in der Nachkriegszeit immer deutlicher zeigte, dass die Quellhorizonte bei den beiden Salemtiefbrunnen dramatisch niedrig waren, wurde sofort reagiert. Ab 1947 entstand ein neuer, noch tieferer Brunnen. Damals belief sich der Tagesbedarf in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel auf 1300 m3 Wasser. Als letzter Tiefbrunnen ging im Jahr 1968 der Quellenburg-Brunnen an den Start. Doch schon seit Anfang der 1950er Jahre reichten die anstaltseigenen Wassergewinnungs anlagen alleine nicht mehr aus. Von den Stadtwerken Bielefeld und der Stadt Brackwede wurde zusätzlich Wasser bezogen. Bis Ende der 1960er Jahre griff man verstärkt auf diese Wasserressourcen zu rück. Ein erster Zuliefervertrag mit den Stadtwerken Bielefeld vom 13. März 1970 besiegelte diese "Wasserkooperation".
Die Aufrufe in Bethel, Wasser sparsam zu verwenden, zogen sich durch alle Jahrzehnte. Wasser war immer knapp, und das hatte viele Gründe. Der Aufbau neuer Wassergewinnungsanlagen konnte mit der ständig wachsenden Anstalt kaum Schritt halten. Das blieb bis Anfang der 1930er Jahre so. Außerdem waren die Betheler Betriebe an vielen Stellen besonders wasserintensiv. Elektrische Zentrale, Wäscherei, Ziegelei, Schlachthof oder die Badeanstalt, mit ihren medizinischen Bädern, waren ohne ausreichende Wassermengen nicht denkbar.
Anfang der 1930er Jahre war die Wasserversorgung zwar hervorragend ausgebaut, aber während des Zweiten Weltkriegs stieg der Wasserverbrauch immens. Bethel führte ein Reservelazarett und hatte täglich 700 bis 1000 verwundete Soldaten zu versorgen – zusätzlich zu den Betheler Patienten und Patientinnen. Das blieb nicht ohne Folgen für die Quellhorizonte in den Tiefbrunnen. Im Jahre 1947 war von einem „Notstand in unserer Gesamtversorgung“ die Rede. Erst nach dem Bau eines neuen, noch tieferen Brunnens bei Salem entspannte sich die Situation wieder.
Zudem ist der Wasserkreislauf abhängig von der Natur – trotz aller technischen Entwicklungen. Obwohl der Osningsandstein, in dem die Betheler Wasservorkommen liegen, qualitativ sehr gutes und reichhaltiges Wasser liefert, versiegten nach trockenen Sommern oder niederschlagsarmen Wintern auch Quellen und Brunnen.
Heute betreiben die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel an ihrem Standort in Bielefeld-Gadderbaum noch drei Brunnen und eine Quelle. Rund 50 Prozent des Wasserbedarfs wird damit selbst gefördert. Der Rest des täglichen Wasserbedarfs wird von den Stadtwerken Bielefeld bezogen. Über zwei Hochbehälter mit zusammen 4 500 m3 Speichervermögen wird das Wasser verteilt. Der gesamte Tagesbedarf in Bethel liegt bei 1200 m3. Angeschlossen sind mehr als 6000 Personen, die sich auf rund 600 Kundenanschlüsse aufteilen – von den großen Krankenhäusern über die Betriebe bis zum Einfamilienhaus.
In den letzten Jahren sind erhebliche bauliche und technische Veränderungen unternommen worden, um die Qualität des Trinkwassers für die Zukunft zu sichern. Sie ist schon heute so gut, dass das Wasser weder aufbereitet noch Zusatzstoffe wie z. B. Chlor zugegeben werden müssen. Lediglich an zwei Brunnen wird das Wasser gefiltert.
Für die Wasserversorgung in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel ist der Betrieb „Gas und Wasser Bethel“ zuständig.